Die Zeit läuft

Gestern beklatscht, heute vergessen: Der Frust unter Krankenhausbeschäftigten ist groß und trieb am Mittwoch, dem »Tag der Pflege«, hierzulande viele Beschäftigte auf die Straße. Die größte Kundgebung fand in Berlin vor dem Roten Rathaus statt. »Die Zeit des Meckerns ist vorbei«, sagte Krankenpfleger Thomas Pottgießer im jW-Gespräch. »Jetzt stellen wir mit der ›Berliner Krankenhausbewegung‹ dem Senat ein Ultimatum von 100 Tagen.« 100 Tage, in denen die Beschäftigten einen Abschluss von zwei Tarifverträgen fordern: für die Pflege einen Tarifvertrag Personalbemessung und eine Bezahlung nach dem Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) für alle Krankenhausbeschäftigten.

Interview: »Dieser pure Hass ist unerträglich«

Über die Schwierigkeit, selbstbestimmt einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu

Angesichts der Diagnose, ein Kind mit schwerer Behinderung zu bekommen, haben Sie vor kurzem in der 25. Woche einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Wie geht es Ihnen jetzt?

Seltsam. Aljoscha war ja ein Wunschkind. Ich hatte schon mein ganzes Leben umgestellt, und jetzt stehe ich hier, und irgendwie fühlt sich alles an wie vor einem Jahr. Aber es ist nichts so, wie es war – eine surreale Situation.

Wie ist es zu dem Abbruch gekommen?

Da ich selbst eine Behinderung habe, wurde ich zur Pränataldiagnostik geschickt. Ich bin da eigentlich sehr ruhig rangegangen…

Reportage: Falsche Versprechen

Pandemie in Spanien: Kaputtgespartes Gesundheitssystem und Beschäftigte ohne Rechte. Ein Besuch an der katalanischen Costa Brava.

Rauh ist das Mittelmeer der Costa Brava in den ersten Wintertagen. Weiße Schaumkronen tragend, rasen die Wellen Richtung Küste, um sich tosend an den Felsen zu brechen. Angefacht vom Tramontana, jenem kalten und gefürchteten Wintersturm, der aus Norden von der anderen Seite der Pyrenäen kommt. »Vom Tramontana berührt« ist eine zärtliche Redewendung in Katalonien, um auszudrücken, dass eine Person nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Doch dieses Jahr lässt nicht der Tramontana die Leute verrückt werden, sondern die zweite Welle der Coronaviruspandemie…

Interview: »Der einzige Weg, Druck auszuüben, ist der Streik«

Gesundheitssystem in Katalonien schon vor Coronapandemie enorm geschwächt. Grundversorgung kollabiert. Ein Gespräch mit Anna Cirera

Sie haben 30 Jahre lang in der Epidemiekontrolle und beim Aufbau öffentlicher Gesundheitssysteme in Afrika und Lateinamerika gearbeitet. Seit dem Ausbruch von Covid-19 sind Sie als Epidemiologin für das katalanische Gesundheitsamt tätig. Wie bewerten Sie den Kampf gegen die Pandemie im spanischen Staat?

In der Vergangenheit habe ich immer in Ländern mit begrenzten Ressourcen gearbeitet und gegen Epidemien und vergessene Krankheiten wie Cholera, Malaria, HIV oder Meningitis gekämpft. Ich bin verblüfft, dass im spanischen Staat die vielen zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht auf die Stärkung des Gesundheitssystems, vor allem auf die Primärversorgung konzentriert werden…

Reportage: In den eigenen Händen

Immer noch steht er an seinen angestammten Platz, »dor Nischel«. Das Wahrzeichen von Chemnitz: das Monument mit dem riesigen Kopf von Karl Marx. In Souvenirlädengibt es ihn als Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Miniaturbüsten zu kaufen. Auch die Flaschen eines Lokalbieres sind mit dem »Nischel« – das sächsische Wort für Kopf – geschmückt. Trotz mehrerer Versuche, die zweitgrößte Porträtbüste der Welt in den Westen zu verkaufen, steht sie als Wahrzeichen im Zentrum der Stadt, die von 1953 bis zur »Wende« als Karl-Marx-Stadt in den Atlanten zu finden war. Nicht mehr vorhanden sind die Juwelen der ehemaligen Industriestadt, welche in Blickrichtung von Marx keine zwei Kilometer entfernt in der Zwickauer Straße wie an einer Perlenkette aufgereiht lagen: Union, Heckert, VEB 8. Mai …

Dumping in Ostkliniken

Knapp 100 Pflegerinnen und Pfleger des Eisenbahnerstädter Krankenhauses im brandenburgischen Eisenhüttenstadt zogen am 17. Juni mit Fahnen und Trillerpfeifen Richtung Stadthalle. Die Wut unter der Belegschaft ist groß: »Warum soll unsere Arbeit weniger wert sein als die unser Kollegen in Berlin oder München?«, fragte Juana im jW-Gespräch. Seit 35 Jahren arbeitet sie hier am städtischen Krankenhaus. Die Psychiatrische Station, auf der sie tätig ist, wurde wegen der Pandemie zur Covid-19-Station umfunktioniert. Wie auch ihre Kollegin Babara von der Intensivstation (ITS) kämpften sie an vorderster Front gegen das Virus…

»Ich bin absolut gewaltfrei geblieben«

Die Scheiben vibrierten und ein dumpfer Knall erklang, als ein Beamter der Berliner Polizei am Samstag vor einer Woche den Kopf von Alphonse gegen die Wand der Bushaltestelle schlug. Für den 25jährigen war die große »Black Lives Matter«-Kundgebung an jenem Tag die erste Demonstration in seinem Leben. Die Stimmung vor dem Bahnhof Alexanderplatz war ausgelassen. Jugendliche, darunter viele Schülerinnen und Schüler, tanzten mit ihren Protestschildern, sangen Lieder und stimmten Sprechchöre an. Kurz vor 17 Uhr begann die Polizei jedoch, den Jugendlichen die Musik zu verbieten und versuchte, die Personalien einer jungen Frau aufzunehmen. Sie hatte mit einem Megaphon in der Hand Sprechchöre angeführt. Viele waren wütend über das Vorgehen der Polizei, doch sie hielten sich an die Anweisung….

Infektionsrisiko Lagerzwang

Geflüchtete aufgebracht: Ansteckungsgefahr in bayerischen Sammelunterkünften enorm.

Die Polizei passte penibel auf, dass Masken getragen und 1,5 Meter Abstand gehalten wurden, als knapp 150 Protestierende am Freitag in München vor den Sitz der Regierung Oberbayerns zogen. »Hier achtet die Polizei genau auf das Einhalten der Mindestabstände, aber in den Geflüchtetenlagern …« – Samba von der Gruppe »Refugee struggle for freedom« ist aufgebracht: »Da werden teilweise positiv getestete Geflüchtete zusammen mit gesunden Menschen in das gleiche Zimmer gesperrt!« Bundesweit haben sich viele Lager zu Brennpunkten der Coronavirusinfektion entwickelt. Die Gesundheitsämter gaben zwar die Anweisung, infizierte Geflüchtete separat unterzubringen und getrennte Sanitäranlagen zur Verfügung zu stellen, aber in vielen Lagern Bayerns findet dies offenbar nicht statt. Samba erzählt, dass in Neumarkt in der Oberpfalz positiv getestete Flüchtlinge in einen Container mit bisher nicht infizierten Menschen gesteckt werden. Vor allem in Gemeinschaftsunterkünften oder Kurzzeitaufnahmen, von denen aus die Geflüchteten auf andere Lager verteilt werden sollen, ist die Situation beängstigend. Die Anweisung des Innenministeriums, die Belegung zu »entzerren«, scheint hier oft nicht umgesetzt zu werden.

Reportage: Das »weiße Gold«

Spargel muss auch in Coronazeiten aus der Erde. Beim Großbauern treffen Studierende auf osteuropäische Erntehelfer. Ein Besuch in Vetschau.

Plötzlich wird das Scheppern leiser. Die Stöße, die die jungen Menschen auf den Bierbänken mal nach links oder rechts schleudern lassen, werden schwächer, und eine riesige Staubwolke steigt hinter dem Planwagen auf, als er auf die sandige Piste im Plastikmeer biegt. Der Staub steigt in Augen, Mund und Nase. Die Studierenden, die ganz hinten aufsitzen, fangen an zu husten. Fast keiner der 30 eng aneinander Gedrängten trägt hier eine Atemmaske, die allein schon gegen den Staub hilfreich wäre. Als sich die Wolke legt, stolpern die jungen Frauen und Männer kurz vor Ostern aus dem Anhänger und schauen sich verunsichert an ihrem neuen Arbeitsplatz um. Das Feld wirkt riesig. Die weißen Wogen des Plastikmeeres strecken sich dicht an dicht gen Horizont. Auf der anderen Seite sind kleine schwarze Punkte zu sehen. Eine Erntebrigade rumänischer Arbeiter, die gerade eine neue Reihe beginnt. »So, jeder nimmt sich ein Messer, ein Paar Handschuhe, einen Damm, und dann ran an den Spargel!«

Reportage: Wer hier das Heft in der Hand hat

Kräftig und laut schlägt das Herz der Druckerei. Es ist eine aus den ’80er Jahren stammende Offset-Druckmaschine. Auf der einen Seite werden ihr schier endlose Papierrollen zugeführt, auf der anderen kommen über den Ausleger (eine Art Fließband) die halbfertigen Druckprodukte heraus. Blau gekleidete Arbeiter nehmen sie vom Band, laden sie auf Hubwagen und transportieren sie weiter in die Binderei. Wie in jeder anderen Druckerei scheint der Alltag hier zu laufen. Doch kleine Details machen stutzig. So ist der Ständer der Stechuhrkarten mit Staub bedeckt, und eine kleine Spinne hat es sich zwischen den Karten gemütlich gemacht. Die Drehkreuze, die einst den Bürobereich von den Produktionshallen trennten, sind stillgelegt. An der Empfangstheke sitzt ein bärtiger Mann mit einem Becher Matetee in der Hand. Auf einem Stapel von Papieren stehen zwei Megafone neben einem dudelnden Radio. Und vom Dach der Fabrik hängen bunte Transparente. Wie in jeder anderen Großdruckerei laufen die Dinge hier nicht. Nicht mehr.