Reportage: Falsche Versprechen
Früher kam Agnés Canyigueral gerne nach ihrer Frühschicht am Samstag an diesen Platz, um den Blick über Meer und Berge zu genießen. Heute mischt sich der Genuss mit dem mitteren Geschmack der Sorgen, wie sie ihne Kurzarbeitergeld über die Runden kommen soll.

Reportage: Falsche Versprechen

Rauh ist das Mittelmeer der Costa Brava in den ersten Wintertagen. Weiße Schaumkronen tragend, rasen die Wellen Richtung Küste, um sich tosend an den Felsen zu brechen. Angefacht vom Tramontana, jenem kalten und gefürchteten Wintersturm, der aus Norden von der anderen Seite der Pyrenäen kommt. »Vom Tramontana berührt« ist eine zärtliche Redewendung in Katalonien, um auszudrücken, dass eine Person nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Doch dieses Jahr lässt nicht der Tramontana die Leute verrückt werden, sondern die zweite Welle der Coronaviruspandemie. Gedankenversunken blickt Agnés auf die gen Land rollenden Wogen. Hier, wo Meer und Berge aufeinandertreffen, sucht sie ihren Frieden, in den pilzreichen Küstenwäldern findet sie etwas Geborgenheit in diesen beängstigenden Zeiten. »Das ist ein großer Unterschied zum Shutdown der ersten Coronawelle. Wir dürfen uns wenigstens tagsüber in unserem Landkreis bewegen.« Doch die existentiellen Sorgen sind so groß wie damals. Es ist ungewöhnlich schön, dass die Costa Brava…

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Reportage: In den eigenen Händen
Noch immer thront der "Nischel" in der Chemnitzer Innenstadt vor dem ehemaligen Regierungssitz des DDR-Bezirkes Karl-Marx-Stadt. (Foto: SZM)

Reportage: In den eigenen Händen

Immer noch steht er an seinen angestammten Platz, »dor Nischel«. Das Wahrzeichen von Chemnitz: das Monument mit dem riesigen Kopf von Karl Marx. In Souvenirlädengibt es ihn als Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Miniaturbüsten zu kaufen. Auch die Flaschen eines Lokalbieres sind mit dem »Nischel« – das sächsische Wort für Kopf – geschmückt. Trotz mehrerer Versuche, die zweitgrößte Porträtbüste der Welt in den Westen zu verkaufen, steht sie als Wahrzeichen im Zentrum der Stadt, die von 1953 bis zur »Wende« als Karl-Marx-Stadt in den Atlanten zu finden war. Nicht mehr vorhanden sind die Juwelen der ehemaligen Industriestadt, welche in Blickrichtung von Marx keine zwei Kilometer entfernt in der Zwickauer Straße wie an einer Perlenkette aufgereiht lagen: Union, Heckert, VEB 8. Mai ... Nachdenklich schaut Gert Sczepansky auf den Nischel. Bilder seines Lebens ziehen an ihm vorbei. Am Gebäude hinter dem Monument prangt noch in metallenen Lettern Marx’ »Proletarier aller Länder vereinigt euch«…

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Dumping in Ostkliniken
Für gleiche Arbeitsbedingungen und Entlohnung in Ost und West – Protestzug von Pflegekräften am 17.6.2020 in Eisenhüttenstadt (Foto: SZM)

Dumping in Ostkliniken

Knapp 100 Pflegerinnen und Pfleger des Eisenbahnerstädter Krankenhauses im brandenburgischen Eisenhüttenstadt zogen am 17. Juni mit Fahnen und Trillerpfeifen Richtung Stadthalle. Die Wut unter der Belegschaft ist groß: »Warum soll unsere Arbeit weniger wert sein als die unser Kollegen in Berlin oder München?«, fragte Juana im jW-Gespräch. Seit 35 Jahren arbeitet sie hier am städtischen Krankenhaus. Die Psychiatrische Station, auf der sie tätig ist, wurde wegen der Pandemie zur Covid-19-Station umfunktioniert. Wie auch ihre Kollegin Babara von der Intensivstation (ITS) kämpften sie an vorderster Front gegen das Virus. Das Arbeitspensum für die Beschäftigten ist enorm. Für die acht Betten auf der ITS sind in der Nacht oft nur zwei Pflegekräfte da, obwohl gerade bei komplizierten Beatmungen eine persönliche Betreuung notwendig wäre. Höchstens ein freies Wochenende gibt es im Monat. »Wenn du Glück hast«, fügt Juana hinzu. Obwohl sie auf einer Coronastation mit vielen älteren Pflegekräften zusammenarbeitet, wurden sie nie auf…

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Reportage: Das »weiße Gold«
(Foto: SZM)

Reportage: Das »weiße Gold«

Plötzlich wird das Scheppern leiser. Die Stöße, die die jungen Menschen auf den Bierbänken mal nach links oder rechts schleudern lassen, werden schwächer, und eine riesige Staubwolke steigt hinter dem Planwagen auf, als er auf die sandige Piste im Plastikmeer biegt. Der Staub steigt in Augen, Mund und Nase. Die Studierenden, die ganz hinten aufsitzen, fangen an zu husten. Fast keiner der 30 eng aneinander Gedrängten trägt hier eine Atemmaske, die allein schon gegen den Staub hilfreich wäre. Als sich die Wolke legt, stolpern die jungen Frauen und Männer kurz vor Ostern aus dem Anhänger und schauen sich verunsichert an ihrem neuen Arbeitsplatz um. Das Feld wirkt riesig. Die weißen Wogen des Plastikmeeres strecken sich dicht an dicht gen Horizont. Auf der anderen Seite sind kleine schwarze Punkte zu sehen. Eine Erntebrigade rumänischer Arbeiter, die gerade eine neue Reihe beginnt. »So, jeder nimmt sich ein Messer, ein Paar Handschuhe, einen…

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Reportage: Wer hier das Heft in der Hand hat

Kräftig und laut schlägt das Herz der Druckerei. Es ist eine aus den '80er Jahren stammende Offset-Druckmaschine. Auf der einen Seite werden ihr schier endlose Papierrollen zugeführt, auf der anderen kommen über den Ausleger (eine Art Fließband) die halbfertigen Druckprodukte heraus. Blau gekleidete Arbeiter nehmen sie vom Band, laden sie auf Hubwagen und transportieren sie weiter in die Binderei. Wie in jeder anderen Druckerei scheint der Alltag hier zu laufen. Doch kleine Details machen stutzig. So ist der Ständer der Stechuhrkarten mit Staub bedeckt, und eine kleine Spinne hat es sich zwischen den Karten gemütlich gemacht. Die Drehkreuze, die einst den Bürobereich von den Produktionshallen trennten, sind stillgelegt. An der Empfangstheke sitzt ein bärtiger Mann mit einem Becher Matetee in der Hand. Auf einem Stapel von Papieren stehen zwei Megafone neben einem dudelnden Radio. Und vom Dach der Fabrik hängen bunte Transparente. Wie in jeder anderen Großdruckerei laufen die Dinge hier nicht. Nicht mehr.

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