Reportage: In den eigenen Händen
Noch immer thront der "Nischel" in der Chemnitzer Innenstadt vor dem ehemaligen Regierungssitz des DDR-Bezirkes Karl-Marx-Stadt. (Foto: SZM)

Reportage: In den eigenen Händen

Immer noch steht er an seinen angestammten Platz, »dor Nischel«. Das Wahrzeichen von Chemnitz: das Monument mit dem riesigen Kopf von Karl Marx. In Souvenirlädengibt es ihn als Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Miniaturbüsten zu kaufen. Auch die Flaschen eines Lokalbieres sind mit dem »Nischel« – das sächsische Wort für Kopf – geschmückt. Trotz mehrerer Versuche, die zweitgrößte Porträtbüste der Welt in den Westen zu verkaufen, steht sie als Wahrzeichen im Zentrum der Stadt, die von 1953 bis zur »Wende« als Karl-Marx-Stadt in den Atlanten zu finden war. Nicht mehr vorhanden sind die Juwelen der ehemaligen Industriestadt, welche in Blickrichtung von Marx keine zwei Kilometer entfernt in der Zwickauer Straße wie an einer Perlenkette aufgereiht lagen: Union, Heckert, VEB 8. Mai ... Nachdenklich schaut Gert Sczepansky auf den Nischel. Bilder seines Lebens ziehen an ihm vorbei. Am Gebäude hinter dem Monument prangt noch in metallenen Lettern Marx’ »Proletarier aller Länder vereinigt euch«…

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Dumping in Ostkliniken
Für gleiche Arbeitsbedingungen und Entlohnung in Ost und West – Protestzug von Pflegekräften am 17.6.2020 in Eisenhüttenstadt (Foto: SZM)

Dumping in Ostkliniken

Knapp 100 Pflegerinnen und Pfleger des Eisenbahnerstädter Krankenhauses im brandenburgischen Eisenhüttenstadt zogen am 17. Juni mit Fahnen und Trillerpfeifen Richtung Stadthalle. Die Wut unter der Belegschaft ist groß: »Warum soll unsere Arbeit weniger wert sein als die unser Kollegen in Berlin oder München?«, fragte Juana im jW-Gespräch. Seit 35 Jahren arbeitet sie hier am städtischen Krankenhaus. Die Psychiatrische Station, auf der sie tätig ist, wurde wegen der Pandemie zur Covid-19-Station umfunktioniert. Wie auch ihre Kollegin Babara von der Intensivstation (ITS) kämpften sie an vorderster Front gegen das Virus. Das Arbeitspensum für die Beschäftigten ist enorm. Für die acht Betten auf der ITS sind in der Nacht oft nur zwei Pflegekräfte da, obwohl gerade bei komplizierten Beatmungen eine persönliche Betreuung notwendig wäre. Höchstens ein freies Wochenende gibt es im Monat. »Wenn du Glück hast«, fügt Juana hinzu. Obwohl sie auf einer Coronastation mit vielen älteren Pflegekräften zusammenarbeitet, wurden sie nie auf…

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Reportage: Das »weiße Gold«
(Foto: SZM)

Reportage: Das »weiße Gold«

Plötzlich wird das Scheppern leiser. Die Stöße, die die jungen Menschen auf den Bierbänken mal nach links oder rechts schleudern lassen, werden schwächer, und eine riesige Staubwolke steigt hinter dem Planwagen auf, als er auf die sandige Piste im Plastikmeer biegt. Der Staub steigt in Augen, Mund und Nase. Die Studierenden, die ganz hinten aufsitzen, fangen an zu husten. Fast keiner der 30 eng aneinander Gedrängten trägt hier eine Atemmaske, die allein schon gegen den Staub hilfreich wäre. Als sich die Wolke legt, stolpern die jungen Frauen und Männer kurz vor Ostern aus dem Anhänger und schauen sich verunsichert an ihrem neuen Arbeitsplatz um. Das Feld wirkt riesig. Die weißen Wogen des Plastikmeeres strecken sich dicht an dicht gen Horizont. Auf der anderen Seite sind kleine schwarze Punkte zu sehen. Eine Erntebrigade rumänischer Arbeiter, die gerade eine neue Reihe beginnt. »So, jeder nimmt sich ein Messer, ein Paar Handschuhe, einen…

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Feature: Die Nazis, die ich rief…
Demonstration von AfD, PEGIDA und Pro Chemnitz am 1.9.2018. Foto: Simon Zamora Martin

Feature: Die Nazis, die ich rief…

AfD und Nazi-Hools verschmelzen in der früheren Karl-Marx-Stadt. Tausende stellen sich ihnen entgegen. Doch Neoliberale und Konzerne wollen das vereinnahmen. Chemnitz am Samstag: Nazi-Tattoos, T-Shirts und Gespräche der Teilnehmer*innen des rechtsextremen „Trauermarsches“ bestätigten wieder, dass es sich nicht nur um „besorgte Bürger*innen“ handelt, sondern zu einen beachtlichen Teil auch um organisierte Neonazis. Die Jagden auf Linke und Migrant*innen, zu denen es auch Samstag Nacht wieder kam, sind schrecklich. Nachdem der rechte „Trauermarsch“ gegen Migrant*innen nach nur 300 Metern von der Polizei beendet wurde, gingen rund 1.000 gewaltbereite Nazis und Hooligans an den Polizeiketten vorbei und schwärmten in kleine und größere Gruppen durch die Innenstadt. Glasflaschen und Feuerwerkskörper flogen auf linke Gegendemonstrant*innen. Nicht-weiße Menschen wurden von Nazigruppen angegriffen. Unter dem Karl-Marx-Denkmal rief ein kahlgeschorener Vierjähriger aus seinem Kinderwagen „Heil Hitler“...

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