Reportage: In den eigenen Händen
Noch immer thront der "Nischel" in der Chemnitzer Innenstadt vor dem ehemaligen Regierungssitz des DDR-Bezirkes Karl-Marx-Stadt. (Foto: SZM)

Reportage: In den eigenen Händen

Immer noch steht er an seinen angestammten Platz, »dor Nischel«. Das Wahrzeichen von Chemnitz: das Monument mit dem riesigen Kopf von Karl Marx. In Souvenirlädengibt es ihn als Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Miniaturbüsten zu kaufen. Auch die Flaschen eines Lokalbieres sind mit dem »Nischel« – das sächsische Wort für Kopf – geschmückt. Trotz mehrerer Versuche, die zweitgrößte Porträtbüste der Welt in den Westen zu verkaufen, steht sie als Wahrzeichen im Zentrum der Stadt, die von 1953 bis zur »Wende« als Karl-Marx-Stadt in den Atlanten zu finden war. Nicht mehr vorhanden sind die Juwelen der ehemaligen Industriestadt, welche in Blickrichtung von Marx keine zwei Kilometer entfernt in der Zwickauer Straße wie an einer Perlenkette aufgereiht lagen: Union, Heckert, VEB 8. Mai …

Nachdenklich schaut Gert Sczepansky auf den Nischel. Bilder seines Lebens ziehen an ihm vorbei. Am Gebäude hinter dem Monument prangt noch in metallenen Lettern Marx’ »Proletarier aller Länder vereinigt euch« in vielen Sprachen. Jahr für Jahr zog Sczepansky am 1. Mai mit seinen Kollegen vom Rationalisierungsmittelbau des VEB Schraubenwerkes hier vor der versammelten Politprominenz vorbei. Gehasst hatte er diese Inszenierungen als junger Mann. »Bei uns im Betrieb wurden so viele Sachen aus ideologischen Gründen gemacht, die ökonomisch keinen Sinn ergaben. Die ganze Geschichte mit Subbotniks zum Beispiel.« Um den Plan überzuerfüllen, wurden die Beschäftigten regelmäßig zu freiwilligen Überstunden am Samstag angehalten. »Doch am Montag haben wir dann alle Däumchen gedreht, weil es kein Material mehr gab.« Um den Maschinenpark besser auszulasten, wurde beschlossen, das Zwei-Schicht-System einzuführen. An sich eine gute Idee, fand Sczepansky. »Die Betriebsleitung hat dann an die nach oben gemeldet, dass das Zwei-Schicht-System erfolgreich eingeführt wurde. Aber in der Frühschicht standen aus Personalmangel die Maschinen still.«

Gut verdient haben sie in diesem Betrieb, der Pressen und Fräsen aus dem kapitalistischen Ausland nachbaute. »Das Klima war damals ganz anders. Heute arbeitet jeder für sich. In der DDR waren die Betriebe einer der wichtigsten sozialen Orte.« Dass es nicht die ständige Bedrohung durch Arbeitslosigkeit gab, trug auch zu einem stärkeren Zusammenhalt in der Belegschaft bei. »Normbrecher, also Kollegen, die zu schnell gearbeitet haben, hatten es aber schwer. Sie wurden von den Kollegen angehalten, langsamer zu arbeiten. Damit haben wir uns natürlich ins eigene Fleisch geschnitten. Irgendwie wussten wir das auch. Das Volkseigentum gehörte ja schließlich uns. Aber das war sehr abstrakt. Wir hatten keinen Einfluss, was damit passiert. Und unsere Vorschläge, wie die Produktion besser organisiert werden könnte, verhallten.«

Die Abwicklung Ost

1989 änderte sich alles. In Erinnerung sind die Massendemonstrationen gegen die SED geblieben. Weitgehend vergessen ist die sogenannte Betriebswende. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt fanden 17,5 Prozent aller öffentlich wirksamen Aktionen von August 1989 bis April 1990 in Fabriken statt. Mit Arbeitsniederlegungen oder deren Androhung schmissen sie die Parteisekretäre aus den Betrieben, lösten die Kampfgruppen und Betriebsgewerkschaftsleitungen (BGL) auf, wählten neue Betriebsdirektoren. In Sczepanskys Fabrik wurde im Oktober 1989 der erste Betriebsrat gebildet. Neben politischen Forderungen stellten sie auch ökonomische auf: Spätschichten sollten nur stattfinden, wenn es genug Personal gibt, und die unrentable Konsumgüterproduktion sollte eingestellt werden. »Wir hatten das Gefühl, dass das Volkseigentum unser ist und wir es irgendwie selber in die Hände nehmen müssen.«

In den sächsischen Betrieben herrschte Aufbruchstimmung. Betriebsräte schossen wie Pilze aus dem Boden. ­Sczepansky versuchte, für das »Neue Forum« das erwachende Selbstbewusstsein der Arbeiter zu kanalisieren, um ein starkes Votum der Werktätigen im Staat der Arbeiter und Bauern durchzusetzen. Doch ohne konsolidierte Organisation wurden sie von der Dynamik der Ereignisse überrollt.

»Als ich am 9. November gesehen habe, wie die alle da rüber geströmt sind …« Die Falten auf Sczepansky Stirn werden größer. »Da habe ich gesagt: Ich glaube, das war’s mit unseren schönen Ideen.« Die Richtung der Entwicklung änderte sich nach der Grenzöffnung rasant. Vor dem Karl-Marx-Monument fand sich Sczepansky plötzlich in Demonstrationen wieder, die nicht mehr »Wir sind das Volk«, sondern »Wir sind ein Volk« skandierten. »Selbst bei mir im Betrieb tauchten plötzlich diese CDU-Plakate auf: ›Keine Experimente mehr‹.«

Während die Opposition rasch aufgerieben wurde, schafften es die FDGB-Funktionäre erfolgreicher, sich neu zu orientieren. Schnell begannen die Branchengewerkschaften des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes sich neu aufzustellen und organisierten teilweise erstmals Wahlen, um ihre Posten demokratisch zu legitimieren. Als Sczepansky davon Wind bekam, kandidierte er Anfang 1990 bei der einzigen Wahl eines ­IG-Metall-Chefs in Chemnitz gegen einen ehemaligen FDGB-Funktionär, unterlag aber in der noch vom FDGB einberufenen Wahlversammlung. »Der hat sich aufgeführt, als ob er ein Sonderrecht auf die Führung hätte, nur weil er Teil der Opposition war«, erinnert sich Freimut Aurich, ehemaliger Betriebsrat des Bohrwerkherstellers Union Chemnitz, »der Union«.

Auch der DGB wollte nur wenig von der neuen Basisgewerkschaftsbewegung wissen, sie wurde als Bedrohung wahrgenommen. Schnell sollte sie gehen, die Übernahme der Ostgewerkschaften. Die IG Bergbau und Energie baute ihre Organisation im Osten fast ausschließlich durch die Fusion mit ihrem FDGB-Pendant auf. In der IG Metall bekamen die FDGB-Funktionäre einen Schwaben vom DGB als Chef vorgesetzt.

Enttäuscht vom Ausgang der Entwicklung akzeptierte Sczepansky eine Stelle bei der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Doch auch dort war er bald nur noch von Westdeutschen und ehemaligen FDGB-Funktionären umgeben. Mit Aktenkoffern voller Übertrittserklärungen kauften diese sich Posten in der ÖTV. Sie seien die richtigen Mitarbeiter für viele zwangsversetzte Westgewerkschafter gewesen. Wie zum Beispiel den Pfälzer Klaus Böhm, der nicht nur die ÖTV in Chemnitz aufbaute, sondern sich auch in die Aufsichtsräte der AOK, der Stadtwerke »und überall, wo es viel Geld gab« wählen ließ. »Das war schlimmer als Wandlitz. Die SED-Kader waren ja Waisenkinder dagegen. … Jetzt wurde richtig zugelangt. Mit ihren Wohnungen, die sie sich für Millionen ausgebaut haben. Mit Whirlpools und allem Schnickschnack.«

Viele DGBler machten einen guten Schnitt mit der Abwicklung Ost, bei der binnen kürzester Zeit eine ganze Volkswirtschaft zerschlagen und privatisiert wurde. Das war ohne Vorbild. Drei Jahre nach dem Anschluss gab es ein Drittel weniger Erwerbstätige in Ostdeutschland. Hunderttausende Beschäftigte auf Kurzarbeit Null oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nicht einberechnet. Nach Schätzungen verloren zwischen 1990 und 1995 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der DDR ihren Arbeitsplatz vorübergehend oder auf Dauer.

Unvorstellbar viele Jobs weg

Auch die Zwickauer Straße in Chemnitz veränderte mit der kapitalistischen Restauration stark ihr Bild. Von den Produktionsstätten verschwand eine nach dem anderen. Die leerstehenden Industriedenkmäler verfallen. Hier und da schimmert noch ein Blechkasten in der Sonne.

1991 war der Union-Betriebsrat Aurich stolz, dass sein Betrieb als erster aus dem Werkzeugmaschinenkombinat »Fritz Heckert« herausgelöst und privatisiert wurde. Doch die Entlassungen erreichten ein vorher unvorstellbares ausmaß: Von den 1.080 Beschäftigten 1990 waren Anfang 1994 nur noch 230 übrig. Als Betriebsrat der Union musste Aurich fast täglich Kollegen mitteilen, dass ihr Arbeitsplatz leider nicht gerettet werden konnte. »Die Entlassungen waren grauenhaft! Die schlimmste Erfahrung meines Lebens.«

Die Union wechselte mehrfach den Besitzer, bis sie zu 50 Prozent bei einer Tochter der Bremer Vulkan AG landete, einem Konzern, der 854 Millionen D-Mark Treuhand-Fördermittel veruntreute. Durch die Vulkan-Pleite wurde auch Union Chemnitz 1996 in die Insolvenz gerissen. »Daraufhin haben wir beschlossen, den Betrieb zu besetzen.«

Mehr ein halbes Jahr lang bewachten Streikposten rund um die Uhr die Fabrik, um einen Abtransport der Maschinen oder den Diebstahl von Konstruktionsplänen und Kundenlisten zu verhindern. »Wir haben dann als Betriebsrat ein Konzept erarbeitet, wie die Produktion von Horizontalbohrwerken in Chemnitz weitergeführt werden kann.« Aus Politik und Wirtschaft haben sie viel Lob für das Konzept geerntet. »Am Ende hatte ich blaue Flecken. Weil uns alle auf die Schulter klopften, wie fein wir das gemacht haben. Aber wir blieben mit leeren Händen stehen.« Eines Abends landete Aurich dann in der Wohnung des 1. IG-Metall-Bevollmächtigten Sieghard Bender. »Nach der dritten Flasche Rotwein hat Bender die Frage aufgeworfen, was eigentlich wäre, wenn wir selber den Betrieb übernehmen. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen und haben gesagt: Das können wir natürlich nicht. Aber er war schon 2. Bevollmächtigter in Esslingen am Neckar und hatte mehr Erfahrung, was an Firmengründungen möglich war.«

Nach einer lauten Protestaktion vor der ehemaligen Bank der Union bekamen sie die Zusicherung, dass diese auch als Hausbank für eine Mitarbeitergesellschaft fungieren würde. Aber nur, wenn die Belegschaft eine Million Mark Eigenkapital aufbringe. »Von den 136 verbleibenden Beschäftigten waren genau 100 bereit, dieses Wagnis einzugehen. Das ergab eine Beteiligung von 10.000 Mark für jeden.« Sie verkauften ihre Autos, nahmen Hypotheken auf und pumpten ihre Großeltern an. »Aber am Ende hat es geklappt.«

Ein hoher Einsatz, der große Änderungen im Arbeitsalltag nach sich zog. »Viele Kollegen haben nur noch an die Projektabschlüsse gedacht und unaufgefordert am Samstag gearbeitet.« Subbotnik hätte man das sieben Jahre früher genannt. Die neuen Eigentumsverhältnisse führten zu einer größeren Solidarität in der Belegschaft. Zuvor wurde bei Fehlern die Verantwortung gern zwischen Abteilungen hin und her geschoben. »Plötzlich hat jeder das Problem bei sich gesucht.« Flexibilität bedeutete jedoch nicht nur Überstunden, sondern auch Freizeit. Wenn ein Kollege aus persönlichen Gründen Sonderurlaub brauchte, ließ sich das unkompliziert einrichten. »Aber keiner hat das ausgenutzt.« Für Aurich war das die glücklichste Zeit in seinem Arbeitsleben.

Das Ende der Union

Über zehn Jahre baute die Union als Kooperative Bohrwerke für Industrie und Bergbau. Doch im Gegensatz zur Planwirtschaft in der DDR gehörte die Fabrik nicht dem Volk, sondern 100 Gesellschaftern. Nach fünf bis zehn Jahren schied ein Großteil der Genossenschaftler altersbedingt aus. Sie wollten ihre Einlagen mit in die Rente nehmen. Die neu eingestellten Beschäftigten waren jedoch nicht bereit, einen fünfstelligen Betrag zu zahlen, damit sie im Union-Werk arbeiten durften. »Wir wollten unbedingt verhindern, dass auch nur einer, der mit uns diese Firma gegründet hat, etwas von seinem Geld einbüßt.« Um dieses Problems Herr zu werden, holten sich die Genossen den niederländischen Finanzinvestor »Nimbus« an Bord. Es wurde vereinbart, dass die Mitarbeiter ihre Anteile verkaufen, wenn »Nimbus« einen Käufer für Union findet. Vier Jahre später war es soweit. Das Ende der Mitarbeitergesellschaft läutete aber auch das Ende der 1852 gegründeten Union ein.

Es war kurz und schmerzlich. 2015 legte die Unternehmensberatung »Herkules« den Union-Eigentümern nahe, Standorte zu schließen, um die Gewinne zu steigern. Der Osten der Republik war zuerst dran. Investitionen wurde gestoppt, Union musste zu überteuerten konzerninternen Preisen einkaufen. Stück für Stück wurde dem Werk Liquidität entzogen, die Bilanz künstlich ins Negative gerechnet. Am 31. Dezember 2019 ging für immer das Licht aus. Anders als 1996 fehlte es im vergangenen Jahr jedoch nicht an Kaufinteressenten für das Werk. Verschiedene Unternehmen wollten den Betrieb übernehmen. »Doch die Herkules-Gruppe hat gar nicht erst verhandelt«, meint der letzte Union-Betriebsratsvorsitzende, Uwe Friemel. Sie wollten die Produktion verlagern und sich keine Konkurrenz schaffen. Eine erneute Übernahme durch die Beschäftigten sei auch wegen der Situation am Arbeitsmarkt nicht möglich gewesen. Die Arbeitslosigkeit lag 2019 auf einem Rekordtief. Warum Zigtausende Euros investieren, um weiterarbeiten zu dürfen? Die Union schloss drei Monate bevor das Coronavirus Deutschland erreichte.

Mit dem jetzt näher rückenden Winter sammeln sich wieder die Krähen um den Denkmalkopf von Karl Marx in Chemnitz. An ihm zog in den vergangenen 30 Jahren erneut viel Geschichte vorbei. Von der Planwirtschaft ohne Arbeiterkontrolle bis zu verzweifelten Versuchen, die im Kapitalismus durchzusetzen. Im kommenden Jahr feiert »dor Nischel« 50. Geburtstag. Auf welche Welt wird er dann blicken?