Reportage: Falsche Versprechen
Früher kam Agnés Canyigueral gerne nach ihrer Frühschicht am Samstag an diesen Platz, um den Blick über Meer und Berge zu genießen. Heute mischt sich der Genuss mit dem mitteren Geschmack der Sorgen, wie sie ihne Kurzarbeitergeld über die Runden kommen soll.

Reportage: Falsche Versprechen

Rauh ist das Mittelmeer der Costa Brava in den ersten Wintertagen. Weiße Schaumkronen tragend, rasen die Wellen Richtung Küste, um sich tosend an den Felsen zu brechen. Angefacht vom Tramontana, jenem kalten und gefürchteten Wintersturm, der aus Norden von der anderen Seite der Pyrenäen kommt. »Vom Tramontana berührt« ist eine zärtliche Redewendung in Katalonien, um auszudrücken, dass eine Person nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Doch dieses Jahr lässt nicht der Tramontana die Leute verrückt werden, sondern die zweite Welle der Coronaviruspandemie. Gedankenversunken blickt Agnés auf die gen Land rollenden Wogen. Hier, wo Meer und Berge aufeinandertreffen, sucht sie ihren Frieden, in den pilzreichen Küstenwäldern findet sie etwas Geborgenheit in diesen beängstigenden Zeiten. »Das ist ein großer Unterschied zum Shutdown der ersten Coronawelle. Wir dürfen uns wenigstens tagsüber in unserem Landkreis bewegen.« Doch die existentiellen Sorgen sind so groß wie damals. Es ist ungewöhnlich schön, dass die Costa Brava…

Weiterlesen Reportage: Falsche Versprechen

Reportage: Wer hier das Heft in der Hand hat

Kräftig und laut schlägt das Herz der Druckerei. Es ist eine aus den '80er Jahren stammende Offset-Druckmaschine. Auf der einen Seite werden ihr schier endlose Papierrollen zugeführt, auf der anderen kommen über den Ausleger (eine Art Fließband) die halbfertigen Druckprodukte heraus. Blau gekleidete Arbeiter nehmen sie vom Band, laden sie auf Hubwagen und transportieren sie weiter in die Binderei. Wie in jeder anderen Druckerei scheint der Alltag hier zu laufen. Doch kleine Details machen stutzig. So ist der Ständer der Stechuhrkarten mit Staub bedeckt, und eine kleine Spinne hat es sich zwischen den Karten gemütlich gemacht. Die Drehkreuze, die einst den Bürobereich von den Produktionshallen trennten, sind stillgelegt. An der Empfangstheke sitzt ein bärtiger Mann mit einem Becher Matetee in der Hand. Auf einem Stapel von Papieren stehen zwei Megafone neben einem dudelnden Radio. Und vom Dach der Fabrik hängen bunte Transparente. Wie in jeder anderen Großdruckerei laufen die Dinge hier nicht. Nicht mehr.

Weiterlesen Reportage: Wer hier das Heft in der Hand hat