Reportage: Falsche Versprechen
Früher kam Agnés Canyigueral gerne nach ihrer Frühschicht am Samstag an diesen Platz, um den Blick über Meer und Berge zu genießen. Heute mischt sich der Genuss mit dem mitteren Geschmack der Sorgen, wie sie ihne Kurzarbeitergeld über die Runden kommen soll.

Reportage: Falsche Versprechen

Rauh ist das Mittelmeer der Costa Brava in den ersten Wintertagen. Weiße Schaumkronen tragend, rasen die Wellen Richtung Küste, um sich tosend an den Felsen zu brechen. Angefacht vom Tramontana, jenem kalten und gefürchteten Wintersturm, der aus Norden von der anderen Seite der Pyrenäen kommt. »Vom Tramontana berührt« ist eine zärtliche Redewendung in Katalonien, um auszudrücken, dass eine Person nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Doch dieses Jahr lässt nicht der Tramontana die Leute verrückt werden, sondern die zweite Welle der Coronaviruspandemie. Gedankenversunken blickt Agnés auf die gen Land rollenden Wogen. Hier, wo Meer und Berge aufeinandertreffen, sucht sie ihren Frieden, in den pilzreichen Küstenwäldern findet sie etwas Geborgenheit in diesen beängstigenden Zeiten. »Das ist ein großer Unterschied zum Shutdown der ersten Coronawelle. Wir dürfen uns wenigstens tagsüber in unserem Landkreis bewegen.« Doch die existentiellen Sorgen sind so groß wie damals. Es ist ungewöhnlich schön, dass die Costa Brava…

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Dumping in Ostkliniken
Für gleiche Arbeitsbedingungen und Entlohnung in Ost und West – Protestzug von Pflegekräften am 17.6.2020 in Eisenhüttenstadt (Foto: SZM)

Dumping in Ostkliniken

Knapp 100 Pflegerinnen und Pfleger des Eisenbahnerstädter Krankenhauses im brandenburgischen Eisenhüttenstadt zogen am 17. Juni mit Fahnen und Trillerpfeifen Richtung Stadthalle. Die Wut unter der Belegschaft ist groß: »Warum soll unsere Arbeit weniger wert sein als die unser Kollegen in Berlin oder München?«, fragte Juana im jW-Gespräch. Seit 35 Jahren arbeitet sie hier am städtischen Krankenhaus. Die Psychiatrische Station, auf der sie tätig ist, wurde wegen der Pandemie zur Covid-19-Station umfunktioniert. Wie auch ihre Kollegin Babara von der Intensivstation (ITS) kämpften sie an vorderster Front gegen das Virus. Das Arbeitspensum für die Beschäftigten ist enorm. Für die acht Betten auf der ITS sind in der Nacht oft nur zwei Pflegekräfte da, obwohl gerade bei komplizierten Beatmungen eine persönliche Betreuung notwendig wäre. Höchstens ein freies Wochenende gibt es im Monat. »Wenn du Glück hast«, fügt Juana hinzu. Obwohl sie auf einer Coronastation mit vielen älteren Pflegekräften zusammenarbeitet, wurden sie nie auf…

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